Kennt sich die heutige Generation überhaupt noch mit der NS-Zeit aus? Dem HGN mit dem Motto „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist es ein wichtiges Anliegen, Schülerinnen und Schüler über diese Zeit aufzuklären und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten.
Aus diesem Grund fand am Mittwoch, den 3. Juni, für die gesamte Jahrgangsstufe 9 eine besondere Gedenkveranstaltung statt. Die Schauspielerin Lena Sabine Berg trug ausgewählte Textpassagen aus dem Buch „Mein Leben nach Auschwitz“vor und machte so die bewegende Lebensgeschichte von Rachel Grünebaum, geborene Schnitzler, für die Schülerinnen und Schüler eindrucksvoll erlebbar. Zwischen den Lesepassagen ergänzte sie historische Hintergründe und persönliche Informationen aus dem Leben der Holocaust-Überlebenden.
Rachel Grünebaum wurde 1923 geboren und überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. Vor ihrem Tod veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Mein Leben nach Auschwitz“, in der sie ihre Erlebnisse während der Zeit des Nationalsozialismus schilderte.
Ihre Geschichte begann in Sighet. Dort lebte sie gemeinsam mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihren sieben älteren Geschwistern. Sie selbst berichtete, dass sie eine glückliche Kindheit gehabt habe. Im März 1944 marschierten deutsche Soldaten in die Stadt ein. Die jüdische Bevölkerung musste von da an den gelben Stern tragen. Kurz darauf wurden Ghettos eingerichtet, in denen die Menschen unter sehr schlechten Bedingungen leben mussten.
Am 15. Mai 1944 wurden viele jüdische Familien aus dem Ghetto in eine Synagoge gebracht und dort registriert. Anschließend wurden sie in Viehwaggons gepfercht. In jedem Waggon befanden sich etwa 90 Menschen. Drei Tage lang waren sie mit nur einem Eimer Wasser und einem weiteren Eimer für ihre Notdurft eingesperrt.
Nach der Ankunft in Auschwitz begann sofort die erste Selektion. Zunächst wurden Männer und Frauen voneinander getrennt. Anschließend entschied die SS, wer arbeitsfähig war und wer nicht. Kinder bis 16 Jahre sowie ältere oder arbeitsunfähige Frauen wurden nach links geschickt, arbeitsfähige Frauen nach rechts. Rachel wurde nach rechts eingeteilt. Ihre Mutter und ihre Schwester mit Kind mussten nach links gehen. Später erfuhr sie, dass alle Menschen, die an diesem Tag nach links geschickt worden waren, noch am selben Tag ermordet wurden.
Der Alltag im Konzentrationslager war von Angst, Hunger und Demütigung geprägt. Es gab täglich Zählappelle und immer wieder neue Selektionen. Wer als nicht mehr arbeitsfähig galt, verschwand und kehrte nicht zurück. Die Frauen mussten in überfüllten Kojen schlafen, und selbst Toilettengänge waren streng vorgeschrieben.
Später wurde Rachel gemeinsam mit etwa 520 weiteren Mädchen in ein Stahlwerk nach Essen gebracht. Dort mussten sie ohne Schutzkleidung arbeiten. Sie liefen täglich eine Stunde zur Arbeit, arbeiteten zwölf Stunden am Stück und gingen anschließend den gleichen Weg zurück – sieben Tage in der Woche, oft ohne richtige Schuhe oder warme Kleidung. Auf dem Hin- und Rückweg wurden sie von deutschen Bürgerinnen und Bürgern beschimpft, gedemütigt und sogar mit Steinen beworfen.
Nach einem Bombenangriff wurde ihr Lager zerstört. Von da an mussten die Frauen auf einfachen Holzbrettern schlafen. Bewegte sich eine von ihnen, mussten sich alle mitbewegen. Im Februar 1945 wurde Rachel in das Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht. Dort herrschten katastrophale Zustände. Die Gefangenen litten unter Hunger, Krankheiten und mussten sogar Berge von Leichen begraben.
Wenig später erreichten britische Soldaten das Lager und befreiten die Überlebenden. Die Frauen befanden sich in einem erschreckenden körperlichen Zustand. Rachel wog nur noch etwa 25 Kilogramm und litt an Typhus. Viele der Befreiten starben trotz ihrer Rettung, weil ihre ausgehungerten Körper keine normale Nahrung mehr vertrugen.
Rachel wurde deshalb von den britischen Soldaten langsam wieder an das Essen gewöhnt. Zunächst erhielt sie nur alle acht Stunden einen Löffel Suppe. Erst nach und nach wurden die Portionen größer. Obwohl sie damals am liebsten sofort wieder normal gegessen hätte, verstand sie später, dass diese vorsichtige Behandlung ihr das Leben gerettet hatte.
Nachdem sich ihr Gesundheitszustand verbessert hatte, wurde Rachel zunächst zu ihrer Schwester nach Rumänien gebracht. Dort sprach sie ein halbes Jahr lang nicht und lebte in ständiger Todesangst. Später zog sie zu einer weiteren Schwester nach Palästina. Dort lernte sie ihren späteren Mann Alfred Grünebaum kennen. Die beiden heirateten und kehrten 1963 nach Deutschland zurück. Gemeinsam bekamen sie eine Tochter namens Gabriele Grünebaum.
Viele Jahre später erhielt Rachel Grünebaum eine Entschädigung in Höhe von 5.000 D-Mark für die Zeit ihrer Verfolgung in den Konzentrationslagern.
Die Lesung machte deutlich, wie wichtig es ist, die Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auch für kommende Generationen zu bewahren. Die Geschichte von Rachel Grünebaum zeigte eindrucksvoll, welche Folgen Ausgrenzung, Hass und Menschenverachtung haben können. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich auch junge Menschen mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Veranstaltungen wie diese leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Erinnerung wachzuhalten und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Hannah Radermacher, 9c


